Das Laboranten- und Olitätenhändlergeschäft

Zu Beginn des 16. Jahrhundrts entwickelte sich auf dem Thüringer Wald das für die gewerbliche Entwicklung dieses Gebietes äußerst bedeutsam Laboranten- und Olitätenhändlergeschäft, das sich besonders im Schwarzburger Waldland ausbreitete. Dieser Medizinhandel brachte nicht nur Wohlhabenheit in die zum Teil äußerst ärmlichen Verhältnisse der Walddörfer, sondern auch eine gewisse Verbesserung in kultureller Hinsicht. Bei ihren weiten Reisen durch große Teile Deutschlands und durch viele fremde Länder gewannen die Laboranten eine große Lebenserfahrung und Klugheit, die sich auch auf die anderen Menschen übertrug und auswirkte. Gern wurden die Laboranten um Rat und Hilfe gefragt, die sich im vielen Verkehr mit fremden Leuten auch im gesellschaftlichen Leben eine große Gewandheit angeeignet hatten. Sie zählten zu den angesehensten Leuten des Dorfes.

Die Geschichte des Laborantenwesens läßt sich bis zum Jahre 1525 zurück verfolgen, zu einer Zeit, wo die medizinischen Wissenschaft noch in ihren Anfängen steckte und einer unserer ersten berühmten Ärzte, Paracelsus, in Basel Professor der der Chemie wurde. Doch ist uns aus den Anfängen des Medizinhandels nur wenig bekannt. Um das Jahr 1640, wo der Dreißigjährige Krieg die deutschen Lande verwüstete, verfertigte der von Oberweißbach nach Großbreitenbach übergesiedelte Apotheker Johann Mylius, der eigentlich den Namen Möller trug, Arzneimittel und ließ sie durch einen sogenannten Balsamträger in das thüringische Flachland bringen und dort verkaufen. Durch diesen Apotheker geriet der Medizinhandel in größere Verbreitung und viele Menschen schreiben ihm die Gründung des Laborantengeschäftes zu, was aber den alten Urkunden widerspricht.

Sehr bald sahen viele andere Bewohner die guten Erträge dieses Handels und folgten dem Beispiel von Mylius in der Heilmittelherstellung, die sie bei anderen Laboranten oder aus alten wissenschaftlichen Büchern erlernten. Die Balsamträger, die die Arzneiwaren verkauften, reisten durch weite Teile Deutschlands und Hollands, kamen bis nach Polen, Ungarn, Östereich und die Schweiz, wo sie auch als Olitätenhändler und Königseer - dem Ausstellungsort der Reisepässe nach - bezeichnet wurden. In der amtliche Zählung von 1710 wurden im Schwarzburger Waldland 31 Laboranten und 343 Olitätenhändler festgestellt, obwohl sich eine große Anzahl der Verpflichtung entzogen hatten. Doch schon zu Beginn des 18. Jahrhunderts verboten zahlreiche andere Länder das Handeln mit Arzneiwaren. Alleinige Schuld an dem vorübergehenden Niedergang dieses sonst so ehrsamen und in keiner Weise anrüchigen Gewerbes trugen die Pfuscher, die keine blasse Ahnung von der Heilmittelherstellung hatten, und völlig unbrauchbare und zum Teil sogar gesundheitsschädliche Ware in den Handel brachten. Auf Wunsch der alten Laboranten gab die Fürstliche Regierung von Schwarzburg-Rudolstadt eine Verordnung über den Arzneiwarenhandel heraus. Danach durften nur die Leute laborieren, die vorher bei anderen Laboranten gelernt und dann eine Prüfung abgelegt hatten. Jeder Fälscher mußte bestraft werden. Zum Austragen der Heilmittel durften nur gewissenhafte Leute verpflichtet werden, um Fälschungen zu vermeiden. Vor ihrer Abreise wurden die Olitätenhändler vereidigt und mit einem Pass versehen, dessen Inhaber erlaubt war, in allen Ländern seine Ware zu verkaufen. Dadurch erlebte der Medizinhandel wieder einen wesentlichen Aufschwung und nur in wenigen Gebieten wurden ihnen Hindernisse in den Weg gestellt.

Im Jahe 1735 gab es nicht weniger als über 800 Balsamträger neben einer weiteren Anzahl von Laboranten. Trotz der zahlreichen Schwindler konnten sich die ehrlichen Laboranten und Olitätenhändler das Vertrauen des größten Teils des Volkes erhalten und so blühte der Handel mehr als zwei Jahrhunderte lang, bis er schließlich in der Mitte des vorigen Jahrhunderts von dem Höhepunkt seiner Blüte und Ausdehnung merklich abfiel. Größtenteils mag dieser Rückgang an den schnellen Fortschritt der Medizin und an den zahlreichen Verboten der Regierung und der Behörden gelegen haben. Trotzdem existieren 1873 im Schwarzburger Waldland noch 20 Laboranten und 350 Balsamträger. Schon damals entstanden aus zahlreichen Laborantengeschäften mehrere kleine Betriebe, aber nur wenige Menschen haben das erreicht. Heute arbeiten im Umkreis von Meuselbach, das neben Oberweißbach, Deesbach, Lichtenhain, Cursdorf und Meura eines der Mittelpunkte des Olitätenhandels gewesen war, 95 kleine und größere Betriebe an der Herstellung von alten thüringischen Heilmitteln.

Apotheke in den Thüringer Bauernhäusern

Copyright © 2004 Ursula Neumann
Stand: 06.03.2005